Mayring oder Kuckartz? Die qualitative Inhaltsanalyse im Vergleich
Du wertest Interviews aus und musst dich für eine Methode entscheiden. Hier siehst du, wie sich die beiden bekanntesten Ansätze unterscheiden und welcher zu deiner Arbeit passt.
Beide Ansätze heißen qualitative Inhaltsanalyse. Beide arbeiten mit Kategorien, und beide sind in Bachelor- und Masterarbeiten anerkannt. Sie unterscheiden sich im Ablauf und darin, wie streng die Regeln sind. Hier siehst du die Unterschiede und eine Entscheidungshilfe für deine Arbeit.
Was beide gemeinsam haben
Du wertest Texte systematisch aus, meist Interviews, Dokumente oder offene Antworten aus Umfragen. Dafür baust du ein Kategoriensystem auf und ordnest Textstellen den Kategorien zu. Dieser Schritt heißt Kodieren oder Codieren.
Jeder Schritt wird dokumentiert, damit andere ihn nachvollziehen können. Beide Ansätze lassen sich mit Software wie MAXQDA, NVivo oder ATLAS.ti umsetzen.
Mayring kurz erklärt
Philipp Mayring hat sein Lehrbuch erstmals 1983 veröffentlicht. Aktuell ist die 13. Auflage von 2022. Sein Ansatz ist stark regelgeleitet. Er arbeitet mit einem festen Ablaufmodell und legt vorab Analyseeinheiten fest, also zum Beispiel, wie lang eine Textstelle mindestens sein muss.
Im Buch beschreibt Mayring mehrere Techniken. Für Abschlussarbeiten sind zwei davon am wichtigsten:
- Zusammenfassung und induktive Kategorienbildung: Die Kategorien entstehen Schritt für Schritt aus dem Material.
- Strukturierung bzw. deduktive Kategorienanwendung: Die Kategorien stehen vorher fest, meist aus einer Theorie, und werden auf das Material angewendet.
Als dritte Technik gibt es die Explikation. Mit ihr klärst du unklare Textstellen, indem du zusätzliches Material heranziehst.
Herzstück bei der Strukturierung ist der Kodierleitfaden. Für jede Kategorie gibt es dort eine Definition, ein Ankerbeispiel aus dem Material und eine Kodierregel für Grenzfälle. Mayring legt außerdem Wert auf Gütekriterien wie die Übereinstimmung zwischen mehreren Kodierenden.
Kuckartz kurz erklärt
Udo Kuckartz hat sein Verfahren zusammen mit Stefan Rädiker weiterentwickelt. Die 6. Auflage ist 2024 erschienen. Der Ansatz ist offener als Mayring und eng mit der Arbeit in Software verbunden.
Kuckartz unterscheidet drei Grundformen: die inhaltlich strukturierende, die evaluative und die typenbildende Inhaltsanalyse. In Abschlussarbeiten wird fast immer die inhaltlich strukturierende Form genutzt.
Der Ablauf sieht so aus:
- Du liest das Material und schreibst Memos sowie kurze Fallzusammenfassungen.
- Du legst Hauptkategorien fest, oft aus deinem Interviewleitfaden.
- Im ersten Durchgang kodierst du das Material mit diesen Hauptkategorien.
- Am Material entwickelst du Subkategorien.
- Im zweiten Durchgang kodierst du mit dem verfeinerten System.
- Zum Schluss wertest du nach Kategorien und nach Fällen aus und schreibst die Ergebnisse auf.
Typisch für Kuckartz ist die Mischung: Die Hauptkategorien kommen meist von außen, die Subkategorien entstehen aus dem Material.
Die Unterschiede im Überblick
| Mayring | Kuckartz | |
|---|---|---|
| Grundhaltung | Stark regelgeleitet, festes Ablaufmodell | Offener, die Phasen greifen ineinander |
| Kategorienbildung | Je nach Technik induktiv oder deduktiv | Meist gemischt: Hauptkategorien vorab, Subkategorien am Material |
| Wichtigstes Werkzeug | Kodierleitfaden mit Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel | Kategoriendefinitionen mit Beispielen, Memos und Fallzusammenfassungen |
| Auswertung | Kategorien, oft ergänzt um Häufigkeiten | Nach Kategorien und nach Fällen, etwa mit Fallübersichten |
| Software | Möglich | Fest im Verfahren mitgedacht |
Welche Methode passt zu deiner Arbeit?
Du hast Leitfadeninterviews geführt. Dann liegt Kuckartz nahe. Die Themen deines Leitfadens werden zu Hauptkategorien, die Details entwickelst du aus den Antworten.
Du willst eine Theorie oder ein Modell am Material prüfen. Hier passt Mayrings Strukturierung mit deduktiver Kategorienanwendung gut. Die Kategorien leitest du aus der Theorie ab und hältst sie im Kodierleitfaden fest.
Du betrittst ein wenig erforschtes Feld. Wenn die Kategorien erst aus dem Material entstehen sollen, eignet sich Mayrings induktive Kategorienbildung. Mit Kuckartz geht das auch, wenn du ganz ohne vorab festgelegte Hauptkategorien startest.
Am wichtigsten ist, was dein Lehrstuhl erwartet. Manche Fächer arbeiten traditionell mit Mayring, andere mit Kuckartz. Frag bei deiner Betreuung nach, bevor du dich festlegst.
Typische Fehler
„Nach Mayring“ ohne Kodierleitfaden. Viele nennen Mayring im Methodenteil, arbeiten aber ohne Definitionen und Ankerbeispiele. Das fällt bei der Bewertung auf.
Zitate aneinanderreihen. Der Ergebnisteil ist mehr als eine Sammlung von Interviewausschnitten. Fasse zusammen, vergleiche die Fälle und beziehe die Ergebnisse auf deine Forschungsfrage.
Methoden still mischen. Du kannst Elemente beider Ansätze kombinieren. Dann musst du das aber offen beschreiben und begründen.
Veraltete Auflage zitieren. Beide Bücher wurden mehrfach überarbeitet. Zitiere die Auflage, mit der du tatsächlich gearbeitet hast.
So beschreibst du die Methode im Methodenteil
Nenne den Ansatz mit Autor und Auflage und begründe, warum er zu deiner Forschungsfrage passt. Beschreibe dein Material, also wie viele Interviews du geführt hast und wie sie transkribiert wurden. Erkläre dann, wie du die Kategorien gebildet und das Material kodiert hast. Gib an, welche Software du genutzt hast. Das Kategoriensystem mit Definitionen und Beispielen gehört meist in den Anhang.
Literatur
Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6., überarb. u. erw. Aufl.). Beltz Juventa.
Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13., überarb. Aufl.). Beltz.
Weiterlesen
Mehr zu beiden Verfahren findest du auf den Seiten Inhaltsanalyse nach Mayring und Inhaltsanalyse nach Kuckartz. Wenn du Unterstützung bei Kategoriensystem und Kodierung möchtest, schau dir an, wie ich Interviews auswerte. Zum Selbermachen gibt es mein Workbook „Empirische Arbeiten“.
Gut zu wissen
Kann ich Mayring und Kuckartz kombinieren?
Ja, wenn du es offen beschreibst und begründest. Ein stilles Mischen ohne Erklärung wirkt dagegen unsauber.
Brauche ich MAXQDA?
Nein. Bei wenigen Interviews geht es auch mit Word oder Excel. Software spart aber viel Zeit beim Kodieren und Auswerten, und viele Hochschulen stellen Lizenzen bereit.
Wie viele Interviews brauche ich?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Entscheidend sind Forschungsfrage, Umfang der Arbeit und die Vorgaben deiner Betreuung.
Ist Kuckartz moderner als Mayring?
Beide Ansätze sind aktuell und werden regelmäßig überarbeitet. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte, keiner ist pauschal besser.
Du steckst bei der Auswertung fest?
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