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Likert-Skala auswerten: So gehst du vor

Likert-Fragen stecken in fast jedem Fragebogen und werden oft falsch ausgewertet. Hier siehst du Schritt für Schritt, wie du Items und Skalen unterscheidest, einen Skalenwert bildest, die passenden Kennwerte und Tests wählst und die Ergebnisse darstellst.

Kurz gesagt

Unterscheide zuerst zwischen einzelnen Items und einer Skala aus mehreren Items. Einzelne Items wertest du mit Häufigkeiten und Median aus. Für eine Skala polst du negative Items um, prüfst die Reliabilität mit Cronbachs Alpha und bildest den Mittelwert. Diesen Skalenwert kannst du mit t-Test, ANOVA oder Korrelation weiter auswerten.

Was eine Likert-Skala ist

Der Sozialpsychologe Rensis Likert hat das Verfahren 1932 vorgestellt. Befragte geben zu mehreren Aussagen an, wie stark sie zustimmen, etwa von „stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll zu“. Die Antworten auf alle Aussagen werden zu einem Wert zusammengefasst.

Streng genommen ist die Likert-Skala also die Summe mehrerer Items. Im Alltag nennt man oft auch eine einzelne Frage mit solchen Antwortstufen „Likert-Skala“. Für die Auswertung ist diese Unterscheidung entscheidend.

Item oder Skala: der wichtigste Unterschied

Ein einzelnes Item liefert ordinale Daten. Es gibt eine Reihenfolge, aber die Abstände zwischen den Stufen müssen nicht gleich sein. Jamieson (2004) betont deshalb, dass Mittelwerte bei einzelnen Items heikel sind.

Bei einem Skalenwert aus mehreren Items sieht es anders aus. Er hat viele mögliche Werte und verhält sich in der Regel ähnlich wie metrische Daten. Norman (2010) zeigt, dass parametrische Verfahren wie t-Test, ANOVA oder Korrelation hier zu verlässlichen Ergebnissen führen. Die Diskussion ist in der Methodenliteratur nicht abgeschlossen. Kläre deshalb mit deiner Betreuung, wie dein Fach damit umgeht, und begründe deine Entscheidung im Methodenteil.

Schritt 1: Daten vorbereiten

  1. Prüfe die Codierung. Alle Items sollten gleich gepolt sein, also ein hoher Wert immer dasselbe bedeuten.
  2. Pole negativ formulierte Items um. Bei einer Skala von 1 bis 5 wird aus 1 eine 5, aus 2 eine 4. In SPSS geht das über Transformieren, Umcodieren in andere Variablen.
  3. Sieh dir fehlende Werte an. Lege fest, ab wie vielen fehlenden Items eine Person keinen Skalenwert bekommt, und schreib die Regel in den Methodenteil.
  4. Kontrolliere auffällige Antwortmuster, etwa Personen, die bei allen Items dieselbe Stufe angekreuzt haben.

Schritt 2: Reliabilität prüfen

Bevor du Items zusammenfasst, prüfst du, ob sie zusammenpassen. Üblich ist Cronbachs Alpha. Wie du es berechnest und einordnest, steht ausführlich im Artikel Cronbachs Alpha berechnen und berichten.

Schritt 3: Skalenwert bilden

Meist bildest du den Mittelwert der Items. Der Vorteil gegenüber der Summe: Der Wert bleibt auf der ursprünglichen Antwortskala und ist leichter zu lesen.

SPSS: Transformieren, Variable berechnen. Als Formel gibst du zum Beispiel MEAN(item1, item2, item3, item4) ein. Mit MEAN.3(…) rechnet SPSS den Wert nur, wenn mindestens drei Items beantwortet sind.

R: daten$angst <- rowMeans(daten[, c("item1","item2","item3","item4")], na.rm = TRUE). Lege vorher fest, wie viele fehlende Werte du zulässt.

Schritt 4: Kennwerte wählen

Was du auswertestKennwerteGut zu wissen
Einzelnes ItemHäufigkeiten, Prozente, Median, ModusMittelwerte sind verbreitet, aber umstritten. Wenn du sie nutzt, begründe es.
SkalenwertMittelwert, Standardabweichung, Minimum, MaximumGib an, was ein hoher Wert bedeutet.

Schritt 5: Den passenden Test wählen

FragestellungSkalenwertEinzelnes Item
Zwei Gruppen vergleichent-Test (Welch)Mann-Whitney-U-Test
Drei oder mehr GruppenANOVAKruskal-Wallis-Test
Vorher und nachhert-Test für abhängige StichprobenWilcoxon-Test
ZusammenhangPearson-KorrelationSpearman-Korrelation

Eine vollständige Übersicht mit allen Fällen findest du im Artikel Welcher statistische Test passt?.

Schritt 6: Ergebnisse darstellen

Für einzelne Items eignet sich ein gestapeltes Balkendiagramm. Jeder Balken zeigt ein Item, die Abschnitte zeigen die Anteile der Antwortstufen. Ordne die Stufen von „stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll zu“ und wähle Farben, die in einer Richtung heller oder dunkler werden. Grelle Ampelfarben lenken eher ab.

Für Skalenwerte sind Boxplots oder Balken mit Mittelwert und Fehlerbalken üblich. Schreib die Antwortskala immer in die Beschriftung, zum Beispiel „1 = stimme gar nicht zu, 5 = stimme voll zu“. Sonst weiß niemand, was ein Mittelwert von 3,8 bedeutet.

Ein Beispiel von Anfang bis Ende

Ausgedachtes Beispiel: Du misst Prüfungsangst mit fünf Items auf einer Skala von 1 bis 5. Item 3 lautet „Vor Prüfungen bin ich entspannt“ und ist negativ formuliert.

  1. Du polst Item 3 um.
  2. Cronbachs Alpha liegt bei 0,82. Die Items passen zusammen.
  3. Du bildest den Mittelwert aus allen fünf Items als Skalenwert „Prüfungsangst“.
  4. Du vergleichst Fern- und Präsenzstudierende mit einem t-Test nach Welch und berichtest Cohens d.
  5. Im Anhang zeigst du ein gestapeltes Balkendiagramm der fünf Einzelitems.

Die häufigsten Fehler

  • Die neutrale Mitte falsch lesen. Ein Mittelwert von 3 kann aus lauter Dreien bestehen oder aus gleich vielen Einsen und Fünfen. Schau dir immer die Verteilung an.
  • Skalen mit unterschiedlich vielen Stufen mischen. Fünfstufige und siebenstufige Items lassen sich nicht einfach zusammenrechnen.
  • Vergessene Umpolung. Sie verfälscht den Skalenwert und senkt Alpha.
  • Prozente bei kleinen Gruppen. Bei 20 Befragten sind absolute Zahlen ehrlicher als „35 Prozent“.

Passend dazu

Quellen

  1. Likert, R. (1932). A technique for the measurement of attitudes. Archives of Psychology, 140, 1–55.
  2. Jamieson, S. (2004). Likert scales: How to (ab)use them. Medical Education, 38(12), 1217–1218.
  3. Norman, G. (2010). Likert scales, levels of measurement and the “laws” of statistics. Advances in Health Sciences Education, 15(5), 625–632. doi.org/10.1007/s10459-010-9222-y
  4. Field, A. (2024). Discovering statistics using IBM SPSS Statistics (6. Aufl.). Sage.
Julia Spengler
Julia Spengler
Akademische Autorin aus Köln. Sie hat über 250 Haus-, Bachelor- und Masterarbeiten begleitet. Ihr Schwerpunkt sind empirische Arbeiten: Statistik mit SPSS, R und Stata und qualitative Inhaltsanalyse. Mehr über Julia
Häufige Fragen

Gut zu wissen

Darf ich bei Likert-Daten einen Mittelwert bilden?

Für einen Skalenwert aus mehreren Items ist das üblich und gut begründet. Bei einem einzelnen Item ist es umstritten. Dann sind Häufigkeiten und Median sicherer.

Wie viele Antwortstufen sind sinnvoll?

Fünf und sieben Stufen sind am verbreitetsten. Bleib innerhalb einer Skala bei einer Variante.

Soll es eine neutrale Mitte geben?

Beides ist vertretbar. Mit Mitte können Unentschlossene ehrlich antworten. Ohne Mitte werden sie zu einer Tendenz gezwungen. Begründe deine Wahl.

Summe oder Mittelwert?

Beides ist möglich. Der Mittelwert bleibt auf der Antwortskala und ist leichter zu interpretieren, besonders wenn einzelne Werte fehlen.

Welche Software eignet sich?

SPSS, R, Stata, JASP und jamovi können alles, was du für Likert-Daten brauchst. Nimm, was deine Hochschule nutzt.

Du steckst bei der Auswertung fest?

Schick mir deine Fragestellung und, wenn vorhanden, deine Daten. Du bekommst ein unverbindliches Angebot mit Festpreis.

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