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Ratgeber

Wie viele Interviews brauchst du für deine Abschlussarbeit?

Eine feste Zahl gibt es nicht, aber es gibt gute Anhaltspunkte. Hier siehst du, was Studien zur Sättigung zeigen, wovon die Zahl abhängt, wie du Befragte auswählst und wie du deine Entscheidung im Methodenteil begründest.

Kurz gesagt

Du brauchst so viele Interviews, bis weitere Gespräche keine neuen Themen mehr bringen. Eine Übersichtsarbeit von Hennink und Kaiser (2022) fand Sättigung meist nach 9 bis 17 Interviews. Das galt vor allem für einheitliche Gruppen und enge Fragen. Für eine Bachelorarbeit kann eine kleinere Zahl genügen, wenn die Frage eng ist. Entscheidend sind deine Frage und die Vorgaben deiner Betreuung.

Warum es keine feste Zahl gibt

Quantitative Studien wollen Ergebnisse auf eine größere Gruppe übertragen. Dafür berechnen sie die nötige Stichprobengröße. Qualitative Studien verfolgen ein anderes Ziel. Sie wollen verstehen, welche Sichtweisen, Erfahrungen und Muster es gibt. Deshalb wählst du Befragte gezielt aus, und die Zahl richtet sich danach, wann du genug verstanden hast.

Dieser Punkt heißt Sättigung. Sie ist erreicht, wenn neue Interviews keine neuen Kategorien oder Aspekte mehr liefern.

Was Studien zur Sättigung zeigen

Guest, Bunce und Johnson (2006) haben in einer Interviewstudie geprüft, wann keine neuen Themen mehr auftauchen. Die meisten Themen zeigten sich in den ersten zwölf Interviews. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass ihre Befragten eine recht einheitliche Gruppe waren und das Thema klar umrissen war.

Hennink und Kaiser (2022) haben Studien zusammengefasst, die Sättigung empirisch getestet haben. Meist war sie nach 9 bis 17 Einzelinterviews oder 4 bis 8 Fokusgruppen erreicht. Studien mit sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa über mehrere Länder hinweg, brauchten mehr.

Malterud, Siersma und Guassora (2016) schlagen einen anderen Blick vor. Sie sprechen von der „Informationsstärke“ einer Stichprobe. Je enger die Frage, je passender die Befragten und je ergiebiger die Gespräche, desto weniger Interviews brauchst du.

Was in Abschlussarbeiten üblich ist

Die Zahlen aus den Studien sind keine Vorgabe für Abschlussarbeiten. Bachelorarbeiten haben weniger Umfang und weniger Zeit, deshalb erwarten Lehrstühle oft weniger Interviews als in einer Forschungsstudie. Manche nennen feste Untergrenzen, andere nicht. Frag deine Betreuung nach einer Spanne, bevor du Termine vereinbarst.

Beachte den Aufwand. Ein Interview zu transkribieren dauert ein Vielfaches der Gesprächszeit, und die Kodierung kommt noch dazu. Zehn Interviews à 45 Minuten sind für eine Bachelorarbeit bereits viel Material.

Wovon die Zahl abhängt

FaktorWeniger Interviews reichen, wenn …Mehr Interviews brauchst du, wenn …
Forschungsfragedie Frage eng gefasst istdie Frage breit ist oder mehrere Teilfragen hat
Befragtedie Gruppe einheitlich istdu mehrere Gruppen vergleichen willst
Gesprächedie Interviews lang und ergiebig sinddie Gespräche kurz oder oberflächlich bleiben
Methodedu nach Themen auswertestdu Typen bilden oder Fälle vergleichen willst
RahmenUmfang und Zeit knapp sinddie Arbeit länger ist, etwa eine Masterarbeit

Wen du befragst

Bei qualitativen Interviews wählst du Befragte bewusst aus. Lege vorher Kriterien fest, die zu deiner Frage passen, zum Beispiel Berufserfahrung, Arbeitsfeld oder Alter. Diese Kriterien nennst du im Methodenteil.

Üblich sind drei Wege. Bei der kriteriengeleiteten Auswahl suchst du Personen, die deine Kriterien erfüllen. Beim Schneeballverfahren fragst du Befragte nach weiteren passenden Personen. Bei Expertinneninterviews wählst du Menschen mit besonderem Fachwissen aus. Freunde und Bekannte zu befragen ist bequem, schränkt aber die Aussagekraft ein. Wenn es nicht anders geht, nenne das offen als Grenze.

So erkennst du Sättigung in deiner Arbeit

Kodiere die Interviews nacheinander, statt erst alle zu führen und danach auszuwerten. Nach jedem Gespräch prüfst du, ob neue Kategorien oder neue Aspekte hinzugekommen sind. Kommt über zwei oder drei Interviews nichts Neues dazu, ist das ein gutes Zeichen.

Halte das in einer einfachen Tabelle fest: Nummer des Interviews, neue Kategorien, Bemerkung. Damit kannst du im Methodenteil zeigen, warum du bei deiner Zahl geblieben bist.

So begründest du die Zahl im Methodenteil

Nenne die Zahl der Interviews, deine Auswahlkriterien, den Zugang zu den Befragten und den Grund für die Zahl. So kann das aussehen:

„Es wurden zehn leitfadengestützte Interviews mit Fachkräften aus Kindertageseinrichtungen geführt. Auswahlkriterien waren mindestens zwei Jahre Berufserfahrung und eine Tätigkeit im U3-Bereich. Nach dem achten Interview traten keine neuen Kategorien mehr auf. Zwei weitere Interviews bestätigten dies.“

Die Angaben sind ausgedacht und zeigen nur den Aufbau.

Konntest du weniger Interviews führen als geplant, schreib das offen. Nenne es in den Grenzen der Arbeit und erkläre, was deine Ergebnisse trotzdem zeigen.

Einwilligung und Anonymisierung

Vor jedem Interview holst du eine schriftliche Einwilligung ein. Darin steht, dass das Gespräch aufgezeichnet, transkribiert und ausgewertet wird und wie du die Daten anonymisierst und wann du sie löschst. Viele Hochschulen haben dafür Vorlagen. Im Transkript ersetzt du Namen, Orte und Einrichtungen durch Kürzel.

Die häufigsten Fehler

  • Erst alle Interviews führen, dann auswerten. So merkst du zu spät, dass dir Aspekte fehlen.
  • Keine Auswahlkriterien. „Ich habe Bekannte gefragt“ reicht als Begründung nicht.
  • Häufigkeiten verallgemeinern. Aus zehn Interviews lassen sich keine Prozentwerte für alle Studierenden ableiten.
  • Zu viele Interviews. Viel Material nützt nichts, wenn die Zeit für eine gründliche Auswertung fehlt.

Passend dazu

Quellen

  1. Guest, G., Bunce, A. & Johnson, L. (2006). How many interviews are enough? An experiment with data saturation and variability. Field Methods, 18(1), 59–82.
  2. Hennink, M. & Kaiser, B. N. (2022). Sample sizes for saturation in qualitative research: A systematic review of empirical tests. Social Science & Medicine, 292, 114523.
  3. Malterud, K., Siersma, V. D. & Guassora, A. D. (2016). Sample size in qualitative interview studies: Guided by information power. Qualitative Health Research, 26(13), 1753–1760.
  4. Döring, N. (2023). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (6. Aufl.). Springer.
Julia Spengler
Julia Spengler
Akademische Autorin aus Köln. Sie hat über 250 Haus-, Bachelor- und Masterarbeiten begleitet. Ihr Schwerpunkt sind empirische Arbeiten: Statistik mit SPSS, R und Stata und qualitative Inhaltsanalyse. Mehr über Julia
Häufige Fragen

Gut zu wissen

Reichen fünf Interviews für eine Bachelorarbeit?

Das kann reichen, wenn die Frage eng ist und deine Betreuung einverstanden ist. Begründe die Zahl im Methodenteil.

Was ist Sättigung?

Sättigung ist erreicht, wenn weitere Interviews keine neuen Kategorien oder Aspekte mehr liefern.

Wie lang sollte ein Interview sein?

Das hängt von Thema und Leitfaden ab. Mach vorher ein Probeinterview. Dann siehst du, wie lange du für alle Fragen brauchst und ob der Leitfaden verständlich ist.

Darf ich Interviews per Video führen?

Ja, das ist üblich. Kläre Aufnahme und Datenschutz vorher und nutze ein Programm, das deine Hochschule erlaubt.

Brauche ich eine Einwilligung?

Ja. Die Befragten willigen schriftlich in Aufnahme, Transkription und Auswertung ein. Nutze die Vorlage deiner Hochschule, wenn es eine gibt.

Du steckst bei der Auswertung fest?

Schick mir deine Fragestellung und, wenn vorhanden, deine Daten. Du bekommst ein unverbindliches Angebot mit Festpreis.

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